Ich war Augenzeuge

KNB3 DE

Rechtsanwalt Zbigniew Kaczmarek

Ehem. Vorsteher der Rechtsanwaltschaft von Bydgoszcz

Ich war Augenzeuge

Noch bis vor kurzem habe ich naiv angenommen, dass die Ereignisse von Bydgoszcz in den Tagen vom 3. bis zum 5. September 1939 für uns, Polen, unzweifelhaft seien, sowohl im Hinblick auf die Ursachen der blutigen Abrechnung, als auch auf die Folgen der deutschen Provokation. Gerade deshalb erlitt ich einen Schock, als ich im August 2003 die lokale Zeitungsbeilage der Gazeta Wyborcza zu lesen begann. Da erklärte ein bekannter Historiker von Bydgoszcz, Prof.Włodzimierz Jastrzębski urbi et orbi, dass es weder am 3. noch am 4. September 1939 in unserer Stadt deutsche Diversion gegeben hätte, und allerlei Informationen, die jahrzehntelang zu diesem Thema übermittelt wurden, eine Ausgeburt der Phantasie und der bis aufs Äußerste frustrierten Panikmacher (unter den Bewohnern der Stadt an der Brda) wären.

In Anbetracht dessen kann ich freilich öffentlich zugeben, dass ich einer der vielen damaligen Panikmacher sei, welche infolge einer kollektiven Halluzination plötzlich auf den Strassen der Stadt ein Produkt der krankhaften Vorstellungskraft - dämonische deutsche Diversanten erblickten.

Ich war Augenzeuge der damaligen Ereignisse. Zu dieser Zeit war ich 17 Jahre alt und wohnte im Stadtteil Szwederowo, in der Orla Str. 24, in der 2. Etage eines Wohnhauses. Direkt über uns, in der 3. Etage, wohnte eine dreiköpfige Familie deutscher Katholiken mit dem Familiennamen Reszkowski. Es waren angesehene, ruhige Menschen, die regelmäßig den Gottesdienst in der ehemaligen Jesuitenkirche St.Ignatius am Alten Markt besuchten. Sie waren mit allen Nachbarn in dem Wohnhaus befreundet. Herr Reszkowski war Schlosser und bei dem städtischen Gaswerk beschäftigt. Seine Tochter Hedwig war ein hübsches und nettes Mädchen, zwei Jahre älter als ich.

Am 4. September 1939 habe ich am frühen Nachmittag mit eigenen Augen gesehen, dass von der 3. Etage meines Wohnhauses auf einen polnischen Soldaten geschossen wurde. Er war auf der Stelle tot gefallen und seine Leiche lag direkt vor dem städtischen Badehaus. Ich lief sofort auf die Straße hinaus, wo sich einige Menschen versammelt hatten. Da waren auch zwei mit Gewehren bewaffnete Soldaten unter ihnen. Ich sagte denen, dass in der 3. Etage meines Wohnhauses, woher die Schüsse fielen, eine deutsche Familie wohnt. Danach führte ich sie dorthin.

Die Tür öffnete Herr Reszkowski persönlich, er war blass und erschrocken. Mit zitternder Stimme teilte er uns mit, dass in seiner Handwerkstatt, welche direkt an die Wohnung grenzte, sich zwei ihm unbekannte, bewaffnete deutsche Zivilisten aufhielten.

Die Diversanten wurden überrascht, entwaffnet und von den Soldaten zu der Haftanstalt in der Wały Jagiellońskie Straße geführt. Die Fortsetzung der Geschichte kenne ich nicht. Die Reszkowski´s erklärten, dass sie diese bewaffneten Zivilisten in ihrer Werkstatt unterbringen mussten, denn sie bekamen einen solchen Befehl. Wer diesen Befehl gegeben hatte, fragten wir nicht, die Reszkowski haben jedoch keine Konsequenzen getragen. Später stellte sich heraus, dass auch andere deutsche Familien in Szwederowo in ihren Wohnungen Diversanten unterbringen mussten. Diese Angelegenheit war bereits während der Besatzungszeit allgemein bekannt, und sogar die Deutschen selbst machten gar kein Geheimnis daraus. Die Reszkowski´s bestätigten diese Information noch einige Male in den Gesprächen mit meiner Mutter.

Mit eigenen Augen habe ich auch zugesehen, als vom Turm der evangelischen Kirche in der Leszczyński Str. Schüsse fielen. Die Kirche brannte ab. Geschossen wurde, was ich ebenfalls gesehen habe, von den Dächern der Wohnhäuser in der Nowodworska Str. Aus den direkten Berichten von Augenzeugen konnte ich dagegen erfahren, dass es auch in der Innenstadt und in übrigen Stadtteilen geschossen wurde. Niemand hegte damals den geringsten Zweifel daran, dass es eine organisierte deutsche Diversion war.

Diversionsaktivitäten, die sich auf die lokale deutsche Minderheit stützten, waren für uns überraschend, weil die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen in der Zwischenkriegszeit sich freundlich gestaltet hatten. Polen waren den Deutschen gegenüber sehr freundlich. Die Gespräche mit denen wurden in der Regel auf Deutsch geführt. Bis zum Ende der 30er Jahre konnten die meisten Deutschen von Bydgoszcz überhaupt kein Polnisch sprechen. In den Geschäften und sogar in den Amtsstellen wurden sie auf Deutsch bedient. Man darf nämlich nicht vergessen, dass zu damaligen Zeiten alle älteren Einwohner auf dem ehemals von Preußen annektierten Gebiet fließend deutsch sprechen konnten, weil sie in ihrer Jugendzeit deutsche Schulen besucht hatten. Ich kannte persönlich ältere Polen, die manchmal auf Polnisch weder schreiben noch rechnen konnten. Darüber hinaus gab es viele Mischehen.

Die deutsche Minderheit in Bydgoszcz besaß eigene Organisationen, Sportklubs, Schulen, Banken, Kirchen, ein Theater, und eine Tageszeitung die „Deutsche Rundschau”. Im Jahre 1936 wurde der Bau eines neuen repräsentativen deutschen Gymnasiums in der Chodkiewicz Str. beendet. Zusammenfassend kann man also sagen, dass ortsansässige Deutsche sich einer vollkommenen Freiheit erfreuten, und darüber hinaus einer Toleranz, und einer recht häufig bezeigten Sympathie, mit der ihnen viele Polen, womöglich auch aus sentimentalen Gründen, entgegenkamen. Ich muss noch hinzufügen, dass die Sympathie den deutschen Kollegen gegenüber auch Vertreter der jüngeren Generation, die bereites im unabhängigen Polen geboren und erzogen wurde, entgegenbrachten. Ich kann mich wohl erinnern, dass mein Copernicus-Stadtgymnasium einige Jungen aus deutschen Familien besuchten, unter anderen: Dindinger, Bauer und Wolschleger. Ihre Eltern waren Gemeindeangestellte. Der Vater eines der oben erwähnten Schulkameraden war Hauptveterinärarzt bei dem städtischen Schlachthof.

Die Fakten, die ich oben dargestellt habe, sind ein kleiner Teil der Geschichte von Bydgoszcz, zumal der Geschichte der tragischen Tage: 3-5 September 1939. Ich wünschte es mir sehr, dass meine Kinder und Enkelkinder die Wahrheit über den sog. Blutigen Sonntag von Bydgoszcz kennen. Ich bin überzeugt, dass, wenn es am 3. und 4. September 1939 in Bydgoszcz keine organisierte deutsche Diversion gegeben hätte, so wäre es den ortsansässigen Deutschen gegenüber auch zu keinen Vergeltungsaktionen gekommen, und infolgedessen hätten Nazis mehr als zehntausend polnische Stadteinwohner wahrscheinlich nicht ermordet.

Ein Fragment des Buches: Zbigniew Kaczmarek, „Erinnerungen eines Rechtsanwalts von Bydgoszcz”, herausgegeben in Bydgoszcz 2007 vom Bezirksrat der Rechtsanwälte