EREIGNISSE vom 3. und 4. SEPTEMBER

KNB4 DE

WŁODZIMIERZ KAŁDOWSKI

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(Auszüge aus den Erinnerungen u.d.T. „Vor dem Vergessen erretten“)

EREIGNISSE vom 3. und 4. SEPTEMBER

Wir wohnten im Stadtteil Szwederowo in der Stroma Str. 26. Zwischen der Orla Str. und Kossak Str., in der Nähe von Kozi Rynek. Durch die Stadt strömte eine große Menge von Flüchtlingen aus dem Grenzgebiet. Sie überredeten zur Flucht.

Am Sonnabend, dem 2. September, wurde die Stadt leer. Amtsstellen wurden evakuiert. Über die Stroma Str., vom Poznański Platz. Wir waren schon reiserfertig und bereit zu fliehen. Im letzten Augenblick hatte Mutti jedoch entschieden, dass wir bleiben, und sie tat ganz richtig. Denn, wer weiß, was mit uns sonst geschehen würde. Viele Flüchtlinge waren bei Kutno ums Leben gekommen, als sie von deutschen Flugzeugen beschossen wurden, da hatten aber auch viele sich vor dem Tode gerettet, nur weil sie auf der Flucht waren.

Am Sonntag, dem 3. September, ungefähr um 10 Uhr, brach eine Schießerei los. Zuerst konnten wir nicht durchsehen, was los war. Aus dem Versteck wurden zurückziehende Truppen und Zivilisten beschossen. Es waren Deutsche. Sie schossen aus den Gärten, von Dächern, aus der evangelischen Kirche, die zwischen der Leszczyński Str. und Ks. Skorupko Str. lag. Ich stieg vom Baum herab und lief auf die Straße. Zu meinem riesigen Erstaunen führten Soldaten aus dem Garten 3 Männer in polnischen Uniformen des Roten Kreuzes auf die Straße. „Es sind doch Polen!” – rief ich. Sie hatten mich aber nicht beachtet. Sie führten diejenigen in der Richtung der Piękna Str. und erschossen sie dort auf der Müllhalde hinter dem Teich. Der erste weinte und bat auf Polnisch, ihn nicht zu töten, er wäre ein Pole. Der zweite kam ums Leben schweigend und mit gesenktem Kopf, und der dritte kerzengerade stehend, übermütig, mit ausgestrecktem Arm rief er: „Heil Hitler!”. Und dies überzeugte mich. Zum ersten Mal war ich Zeuge einer solchen Szene. Als ich geschockt und erschüttert nach Hause zurück kam, konnte ich den Baum - meinen Beobachtungspunkt - lange nicht mehr hinaufsteigen.

Am Montag, dem 4. September, erschienen auf den Straßen Freiwillige mit weißen Armbändern und der Aufschrift „Bürgerwehr”. Weil man auf keine Hilfe der Behörden rechnen konnte, denn diese hatten ihre Posten schon längst verlassen - entschloss sich die Zivilbevölkerung, ihr Schicksal in ihre Hände zu nehmen, um sich nicht wie Enten erschießen zu lassen.

Von meinem Beobachtungspunkt aus bemerkte ich, dass von dem Kirchturm wieder geschossen wird. Da hielt ein Jeep mir vier Soldaten. Man konnte wieder Schüsse hören. Sie betraten die Kirche nochmals, aber ergebnislos. „Was tun jetzt? Sicher haben diese irgendwelche geheime Gänge.” – „Wir stecken die Kirche in Brand” – entschieden die Soldaten. „Alle rein in die Kirche! Wir türmen die Bänke aufeinander!” Jemand brachte vom Auto Benzin. Das Feuer ergriff sehr schnell die ganze Kirche. Es brannte bis zum frühen Morgen am 5. September. Ich war dort noch um 10 Uhr und konnte sehen, wie die Frauen aus dem anliegenden Pfarrhaus stapelweise weiße Teller und Bettwäsche heraustrugen.