„Bromberger Blutsonntag“ und Aufdeckung der Geheimnisse des Zweiten Weltkrieges

KNB1 DE

Der Artikel in Tages-Zeitung „Gazeta Pomorska“, Bydgoszcz, 04.09.2008

Włodzimierz Kałdowski

Włodzimierz Sobecki

- mit Redakteur Hanna Sowińska

Bromberger Blutsonntag“ und Aufdeckung der Geheimnisse des Zweiten Weltkrieges

Hitler hat die Bromberger Volksdeutschen zum Tode verurteilt

Das Thema „Bromberger Blutsonntag“ ist für die meisten Polen unserer Zeit ein unbedeutendes Ereignis in der Geschichte. Nur für ganz wenige ist das noch ein Teil ihrer Lebensgeschichte, voller persönlicher Tragödien und kaum vergessen. Soll man die verheilten Wunden wieder aufreißen? Vielleicht doch, da dies möglicherweise nötig ist, um eine gemeinsame historische Basis für diejenigen zu finden die zur Nachbarschaft verurteilt wurden. Nur so können die mitarbeitenden Nationen gegenseitig Vertrauen fassen und Hass und Verdächtigungen hinter sich lassen.

Wenn man im Internet nach „Bloody Sunday Bromberg” sucht, findet man sowohl die Fortsetzung der perfiden Lügen der Nazi-Propaganda, als auch Anti-Nazi-Stimmen, die der historischen Wahrheit näher sind (- letztere immer häufiger, so auch im Juli 2008) . Diese Wahrheit wird von den lebenden Zeitzeugen Włodzimierz Kałdowski, Zbigniew Kaczmarek und anderen bestätigt.

Es bestehen kaum Zweifel darüber, dass die Naziprovokation tatsächlich stattgefunden hat. Die Zahl der Beweise und Zeugenaussagen wächst. Es wird auch eine umfangreiche Veröffentlichung durch IPN erwartet. Wir warten ungeduldig darauf.

Besonders schwierig für die heutige deutsche Gesellschaft (und besonders für die damaligen Bromberger Deutschen und heutigen Leser der Zeitschrift „Bromberg“) ist die Erkenntnis, dass sie betrogen, verraten und zum Tode verurteilt wurden. Die heutige Vorstellungskraft reicht kaum, um zu verstehen, wie perfide Hitler und seine engsten Mitarbeiter Goebels und Himmler den Tod der eigenen Landsleute planten. Diese waren zivile Angehörige der deutschen Minderheit in Bromberg, Attentäter und Fallschirmspringer in Zivil. Die deutsche Minderheit in Bromberg sollte auf Hitlers Wunsch vor der Befreiung geopfert werden. Die ideologischen Ziele standen höher in der Hierarchie. Die ganze Welt und die deutsche Gesellschaft sollten von den humanitären Zielen des Einmarsches in Polen überzeugt werden, schließlich sollten Deutsche vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Die Vorkriegspropaganda grölte von international nicht hinnehmbarem polnischem Hass. Es wurden Leichen von der deutschen Zivilbevölkerung benötigt, um dies zu beweisen. Man hat ausgebrannte deutsche Häuser und Kirchen erwartet, die zu Propagandamunition verarbeitet wurden. Das auf verräterische Weise vergossene polnische Blut hat erwartungsgemäß eine Reaktion ausgelöst. Diese zeigte sich im Angriff der polnischen Armee sowie der Forderung nach Blutrache und bot auch Gelegenheit zu privaten blutigen Abrechnungen beiderseits. Die perfide Kalkulation der Gestapoführung, durchgeführt durch eine Sonderabteilung der Abwehr, ist vollständig aufgegangen. Die Meister der Naziprovokation, erfahren durch den Blutigen Sonntag in Altona (Juni 1932), die Röhm-Verschwörung mit der Nacht der langen Messer (Juni 1934), den Reichstagsbrand und andere diverse politische Morde haben auch in Bromberg ihr Ziel erreicht. Die Polen ließen sich provozieren. Es wurde das Blut der deutschen Zivilisten vergossen, wie sich Hitler dies wünschte.

Die Provokation fand im Kontext der Kriegsereignisse, jedoch vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Bromberg statt, wegen der Funkverbindungen des Spionagenetzes mit vollständiger Kenntnis der Geschehnisse in der Stadt. Dabei war man sich der Übermacht der polnischen Armee über die Sabotageagenten und des blutigen Ausgangs zu deren Ungunsten bewusst. Die Attentate wurden, wie Hitler vorausgesehen hatte, von der polnischen Armee blutig beendet. Der Ausmaß der Zerstörung und die Zahl der Getöteten waren allerdings kleiner als Hitler erwartet hatte. Es wurden nur ein Haus in der Żmudzka Strasse 11 und eine evangelische Kirche im Bezirk Szwederowo(Leszczyńskiego 42) in Brand gesteckt. Włodzimierz Kałdowski war Augenzeuge der Geschehnisse im Bezirk Szwederowo.

Laut deutscher örtlicher Statistik vom September hat man 546 Deutsche getötet, davon 286 aus der Stadt, 286 von außerhalb und 96 Unbekannte(darin waren auch Leichen der Polen, die man aus der Umgebung hingebracht hat, z.B. aus dem Dorf Nowa Wies Wielka) . Unabhängige Schätzungen liegen bei 300 Personen. Zwei Monate später, im November 1939, veröffentlichte man eine Information, dass 5400 Deutsche von Polen am Blutigen Sonntag ermordet worden waren.

Auf Grund von internationalen Protesten gegen deutsche Gräueltaten hat man im Februar 1940 auf Hitlers Befehl die Zahl der Opfer auf 58000 Getötete vervielfacht.

Eine Auswahl der Provokationen aus der Geschichte Deutschlands

Deutschland bestand vor dem Zusammenschluss im XIX Jahrhundert aus vielen kleinen Staaten. In dieser Form war Deutschland auf europäischer Ebene politisch unbedeutend. Zu dem Zusammenschluss kam es erst auf Grund von Bemühungen Preußens und politischer Spiele Bismarcks. Der Auslöser dafür war der preußisch-französische Krieg, der von Frankreich nach Bismarcks Provokationen angefangen wurde. Wegen der französischen Bedrohung gaben die deutschen Staaten ihre Streitigkeiten auf und handelten gemeinsam. Der Krieg wurde durch Beleidigungen der französischen Diplomatie ausgelöst.

Eine Provokation unter dem Namen „Blutsonntag“ hat Hitler schon im Jahre 1932 initiiert. Diese richtete sich gegen Preußen und die preußischen Politiker der Weimarer Republik. Hier wird der „Altonaer Blutsonntag“ vom 17 Juni 1932 gemeint. Altona war eine Arbeiter- und Hafenstadt mit entwickelter kommunistischer Bewegung. Diese Stadt sollte Zeuge des Durchmarschs der SA-Einheiten werden und das in den Arbeiterbezirken. Kein Wunder, dass die provozierten Arbeiter sich widersetzten, als sie die bewaffneten, in braune Hemden gekleideten und von der Polizei geschützten Truppen sahen. Die Folge waren blutige Auseinandersetzungen, die 18 Personen das Leben kosteten. Ca. 100 weitere wurden verwundet.

Hitler suchte und fand eine Methode um seine preußischen Gegner zu beseitigen. Nach dem „Altonaer Blutsonntag“ verkündete er mit zynischer und lauter Propaganda, dass die preußische Regierung in Berlin nicht einmal im eigenen Land in der Lage sei, für Ordnung zu sorgen. In der Folge wurden die preußischen Minister durch „Reichskommissare“ ersetzt. Das republikanische System wurde durch die nationalsozialistische Diktatur ersetzt. Diese Provokation hatte Folgen und begünstigte die Ausbreitung des Faschismus im Lande.

Die Ausbildung der Sabotageagenten wurde vom britischen Geheimdienst entdeckt

Die geheime Ausbildung der Sabotageagenten durch die Gestapo wurde schon vor 1939 entdeckt. Die Dokumente des Auslandsgeheimdienstes SIS (auch M16 genannt) liegen bis heute im The National Archive und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Trotz vieler Versuche ist es unseren Mitarbeitern nicht gelungen, eine entsprechende Genehmigung zu bekommen, insbesondere in Bezug auf den Tätigkeitsbereich und die Absolventenliste der Keramikfachschule in Teplitz-Schönau (Tschechien). Dort wurden unter dem Deckmantel der Fachausbildung Kurse in Sabotageakten für die deutsche Jugend angeboten. [1]

Die alte österreichisch-kaiserliche Keramikfachschule in Teplitz-Schönau im Sudetenland war in den Dreißiger Jahren ein führendes Zentrum der Keramikkunst der Welt. Als einzige Schule dieser Art in Europa erfreute sie sich eines großen Zulaufs nicht nur aus Europa, sondern auch aus der ganzen Welt. Dort begann man, fremdsprachige faschistische Jugendliche bis 20 für die geheimen Dienste der Gestapo auszubilden. Es waren Vertraute Himmlers, fanatische Nazis, die den verlorenen Glanz und die Größe Deutschlands wiederherstellen wollten. Angeworben in verschiedensten Ländern der Erde gehorchten sie Hitler bedingungslos und zu allem bereit. Sie wurden auf Aktionen vorbereitet, die zur Verschärfung der Konflikte mit nationalen Minderheiten führen sollten und zum strengen Gehorsam der Volksdeutschen der Gestapo gegenüber.

Britische Publikationen bestätigen die Infiltration der Gestapo in Polen seit 1933. Die Aktivitäten wurden fortgesetzt und unter der Führung des Zentralstabes der Gestapo in Prag auch auf andere Länder ausgeweitet. Damit nicht einmal die Reichsverwaltung etwas davon mitbekam, befand sich das Hauptbüro im Ausland. Es bestehen keine Zweifel daran, dass die Aktivitäten des Büros sich in Österreich, Bulgarien und Ungarn ausgewirkt haben.

Wenn es um die Aktivitäten in Polen geht, dann sind gewisse Parallelen mit den o. g. Ländern offensichtlich, aber es gibt trotzdem wesentliche Unterschiede. Man nutzte die Existenz der vielen Millionen Angehörigen von Minderheiten, um den Zusammenhalt und die Wehrhaftigkeit des polnischen Volkes zu schwächen. In den östlichen und südlichen Gebieten Polens dominierten Ukrainer und Weißrussen. Diese Völker stufte man als potenziell bereit ein, sich gegen Polen zu erheben. Die litauische Minderheit im Norden, um Vilnius herum, schien der Gestapo auch für antipolnische Propaganda empfänglich. Im Westen Polens, sowohl in Schlesien als auch in Pommern, lebten deutsche Minderheiten. Den in Gdingen erbauten Hafen schätzte man als isoliert ein, da er so nahe an den als deutschfreundlichen geltenden Gegenden Danzig, Ostpreußen und Pommern gelegen war. Das Drängen auf Zugeständnisse in Bezug auf die Kommunikationsverbindungen nach Ostpreußen war ein wichtiger Teil der deutschen Diplomatie, in der Hoffnung auf erzwungene Lösungen.

Ein weitere Brennpunkt mit der Möglichkeit der Infiltrierung durch die Gestapo waren Teile vom ehemals ungarischen Ostgalizien mit seinen Erdöl- und Steinkohlevorkommen. Gegenseitige polnisch-tschechische Grenzansprüche konnte man auch ausnutzen, ebenso den offensichtlichem polnisch-russischen Hass und die Aktivitäten der kommunistischen Agitatoren des Kremls. Die durch andere Kanäle geführte diplomatische deutsch-russische Zusammenarbeit führte zu einem gegenseitigen Übereinkommen im Jahre 1937 zur Notwendigkeit der vierten Teilung Polens.

So gesehen war das Betätigungsfeld in Polen für die Sabotageagenten der Gestapo sehr viel- versprechend. Die ca. 10 Millionen Weißrussen und Ukrainer, 3-4 Millionen Ungarn und Deutsche, eine Million aus den Baltischen Ländern aus der Gegend von Vilnius und ca. 4 Millionen Juden bildeten eine Arena der Möglichkeiten, die nationale Einheit Polens zu destabilisieren. Methodisch und mit preußischer Gründlichkeit agierte man - von kleinen Fehden bis zu blutigen Morden.

Bis zum Ende des Jahres 1934 wurden entsprechende Abteilungen unter der deutschen Minderheit im Westen Polens organisiert. Polnischsprechende Geheimdienstler der Gestapo waren für antideutsche Provokationen in der polnischen Gesellschaft zuständig, ukrainischsprechende für antipolnische Aktionen. Es wurden auch antijüdische Provokationen organisiert. Es wurden Ängste geschürt, um die Stabilität der multinationalen und multireligiösen Gesellschaft ins Wanken zu bringen. Auch in Bromberg platzierte man entsprechend ausgebildete Provokateure unter den deutschfeindlichen Polen, um Hass zu schüren. Während des deutschen Zivilprozesses fand man heraus, dass ein wegen körperlicher Angriffe gegen Deutsche angeklagter Mann im Dienste der Gestapo stand.

Schließlich musste man Hitlers Einmarsch in Polen begründen, aber die deutsche Minderheit in Polen war nicht so zahlreich und laut wie im Sudetenland und irgendwie gegen die Nazipropaganda resistenter. Nach 1920 blieben in Bromberg überwiegend Intellektuelle, Ärzte, Banker, Industrielle und Kaufleute d.h. die vermögende Schicht der Gesellschaft, die auf ihre Arbeitsstellen, Firmen und Klientel nicht verzichten wollte. Meine Gesprächspartner kannten viele von ihnen persönlich. Die deutsche Minderheit hat sich in den letzten 100 Jahren in Polen assimiliert. Gemischte Ehen wurden erst nach 1933 gezwungen, für eine Nationalität zu optieren. Deutsche wohnten in den besseren Bezirken der Stadt. Im Jahre 1938 eröffnete man ein gemischtes Gymnasium mit Deutsch als Unterrichtssprache in der Chodkiewicz Strasse (heute die UKW-Universität). Alleine in der Danziger Strasse gab es fünf Buchläden mit deutscher Literatur. Polen, ältere Bromberger, können sich noch an das Denkmal des unbekannten Soldaten in der Bernardyńska Strasse erinnern, wo die Inschrift „Den gefallenen deutschen und polnischen Söhnen Brombergs“ lautete. Wie soll man das mit den späteren Publikationen der Berliner Propaganda von Hass und Verfolgung Deutscher in Bromberg in Einklang bringen?

Es war nötig, erst antipolnische, streng gegliederte Nazigruppen zu organisieren. Das war keine leichte Aufgabe für die Gestapo. Anfällig für die Anwerbung waren ein Großteil der Jugend, aber vereinzelt auch ältere Menschen. Ortsansässige Dienste der Gestapo zwangen die Angehörigen der deutschen Minderheit, bewaffnete Saboteure ins Haus zu lassen, und diese waren es auch, die nachher aus deutschen Wohnungen, Betrieben und Kirchen auf die sich zurückziehenden polnischen Soldaten schossen.

Für ein polnisch-deutsches Abkommen und gegen die Nazis sprachen sich unter anderen auch die Deutsche Sozialistische Arbeitspartei in Polen und die Deutsche Christliche Volksunion aus. Diese Tendenzen wurden bald (nach 1933) unter dem Druck von außen beendet, meist durch Auflösung der Organisation oder durch Sezession (z.B. die Gruppe von A. Kronig von der Deutschen Sozialistischen Arbeitspartei in Polen).

Der erste deutsche Nachkriegsnobelpreisträger Heinrich Böll diente in der deutsche Armee in Bromberg von 1939 bis 1940.

Ausschnitte aus Heinrichs Böll Biografie erlauben neue Ansichten aus dem Kriegsgeschehen, weniger heldenhaft, oft in Zusammenhang mit Alkohol und Drogen, aber sie zeigen auch eine Verbindung des späteren Nobelpreisträgers mit Bromberg. Das Buch „Der Zweite Weltkrieg – Wendepunkt der deutschen Geschichte“[2] wurde im Jahre 2005 in München veröffentlicht. Es ist eine Essaysammlung verschiedener Autoren. Unter anderem findet man da einen Text von Andreas Ulrich unter dem Titel „Berauscht in die Schlacht”, dessen Ausschnitte weiter zitiert werden.

Aus einem Brief der Feldpost eines jungen deutschen Soldaten an seine „Liebe[n] Eltern und Geschwister“ in Köln, datiert vom 9 November 1939 aus dem besetzen Polen:

„Da der Dienst sehr anstrengend ist, müsst ihr verstehen, dass ich nur alle zwei bis vier Tage an Euch schreiben kann. Heute schreibe ich mit der Bitte um Pervetin [...] euer Heinrich”.[3]

Pervetin war ein Wundermittel der Wehrmacht, heute würde man es eine Droge oder ein Aufputschmittel nennen.

Am 20. Mai 1940 bittet der 22-jährige Soldat wieder: “Vielleicht könntet ihr nochmals etwas Pervetin besorgen?“ Am 19. Juli 1940 kam ein Brief aus Bromberg: “Schickt mir baldmöglichst noch etwas Pervetin“. Der Absender ist später weltbekannt geworden: Es war Heinrich Böll, der im Jahre 1972 den Literaturnobelpreis bekam.

Im weiterem Verlauf der Abhandlung lesen wir: Nur in der Zeit von März bis Juli 1940 hat man dem Heer und der Luftwaffe 35 Millionen Pervetin- und Isophanpillen geliefert (Isophan war eine verbesserte Formel hergestellt von der Fa. Knoll). Diese Pillen mit drei Milligramm Wirkstoff lieferte man unter dem Decknamen OBM an die Sanitätsabteilungen und dann weiter an die Einheiten. In Notfällen reichte sogar eine telefonische Bestellung. Auf der Verpackung stand „Wachthaltmittel”, die empfohlene Dosierung: „nur von Zeit zu Zeit eine bis zwei Tabletten, um wach zu bleiben”.

Schon damals wiesen die Ärzte darauf hin, dass sich die Regenerationsphase bei hoher Dosierung verlängert und die Effizienz sinkt. Es gab Fälle von gesundheitlichen Nebenwirkungen wie Schweißausbrüche, Kreislaufprobleme und sogar Todesfälle. Obwohl Perventin seit dem 1. Juli 1941 auf der Verbotsliste des „Opiumgesetztes” stand, lieferte man noch in dem selben Jahr an die 10 Millionen Tabletten an die Front.

Hitlerdeutschland handelte gegen die Empfehlungen der Ärzte und verzichtete nicht auf die Narkotisierung der Wehrmacht. Sogar nach März 1944 dokumentierte die Wehrmachtsverwaltung den Bedarf und Gebrauch von solchen Mitteln. Zu gleicher Zeit präsentierte der Pharmakologe Gerhard Orzechowski dem Militär Pillen namens D-IX, die fünf Milligramm Kokain, drei Milligramm Perventin und fünf Milligramm Eukodal (morphiumähnliches Schmerzmittel) beinhalteten und deren Besitzer heutzutage ins Gefängnis käme. Solche Pillen wurden unter anderem auf kleinen U-Booten vom Typ „Seehund“ oder „Biber“ getestet.

In Heinrich Bölls Biografie lesen wir, dass die empfindliche Psyche des Schriftstellers und Poeten kaum die Belastung der schrecklichen Pflichten eines deutschen Soldaten aushielt, insbesondere in Bromberg im besetzen Polen, wo Morden und Leid an der Tagesordnung waren. Dies verursachte auch den Bedarf an künstlicher Abstumpfung durch Drogen.

Böll war in dieser Stadt (1939-40) während der Liquidierung der Intelligenz und der Oberschicht der Stadt und während der Erfindung der Unwahrheiten für die Propaganda. Seine Briefe sind in Köln öffentlich zugänglich. Seine Stiftungen sind in 130 Projekten in 60 Ländern auf 4 Kontinenten tätig. Einer meiner Gesprächspartner (WS) begegnete Bölls Stiftungen während seiner Arbeit in Afrika. Böll vertrat auch kommunistische und prosowjetische Positionen, die manche ihm nicht verzeihen wollen.

Fazit der Botschaft [4]:

Es wäre besser, wenn die deutschen historischen Mythen nicht im Verborgenen gepflegt würden, sondern im andauernden Dialog mit den Nachbarn. Es wäre besser zu verzeihen, statt in historische Amnesie zu verfallen. Es wäre wichtig, das Martyrium nicht zu instrumentalisieren.

[1] „Gestapo –The History of German Secret Service”, Robert Hale Ltd London, 1939

[2] „Der Zweite Weltkrieg – Wendepunkt der deutschen Geschichte“, München, 2005

[3] Die Briefe werden aufbewahrt im Heinrich-Böhl-Archiv der Stadt Bibliothek Köln,

Antwerpener Str. 19-29, D-50672 Köln, www.stbib-koeln.de/boell

[4] „Krwawa Niedziela“ in Bromberg – einziger passender Schlüssel zu den Ereignissen

vom 3 und 4 September 1939, Wiesław Trzeciakowski, Włodzimierz Sobecki,

Bydgoszcz, 2005